Stadt ist nun in der Hand der Narren

Es ist wirklich zum Heulen. Man hat es gewusst, man hätte sich darauf vorbereiten können und hat es doch nicht verhindert. Der Oberbürgermeister wehrte sich zwar anstandshalber ein wenig. Aber ein bisschen ziehen und zerren genügte, damit er den Stadtschlüssel herausrückte. Wo waren seine Stellvertreter, ob haupt- oder ehrenamtlich? Wo die Gemeinderäte, die sich schützend vor das Rathaus stellten? Es kam, wie es kommen musste und wie es Jahr für Jahr am Elften im Elften kommt: In Wertheim haben die Narren das Regiment übernommen.

Nun ist es ja nicht so, dass die Wölfe sich etwa leise im Schutze der Dunkelheit angeschlichen hätten. Nein, sie kamen sozusagen mit Pauken und Trompeten herangezogen, wieder einmal angeführt von dem Fanfarenzug der Fränkischen Herolde aus Dertingen.

Es wäre doch einmal zu diskutieren, warum diese an und für sich so friedfertigen Musikerinnen und Musiker aus dem Wertheimer Osten sich alljährlich bereitfinden, bei dem ruchlosen Vorhaben dabei zu sein. Vielleicht würden ein paar städtische Zuschüsse sie davon ja abhalten, wenn schon der aus dem gleichen Orte stammende Bürgermeister es nicht schafft, sich ihnen in den Weg zu stellen.

Auf dem Marktplatz legte die Schar, die eine beachtliche Größe erreicht hatte, eine Pause ein, um mit klingendem Spiel ein paar Unentschlossene zu motivieren, sich dem Zug anzuschließen. Weiter ging es zum Ziel des Abends, dem Rathaus. Auffallend fröhlich waren die Wölfe unterwegs, sich des nahen Siegs wohl auch angesichts der Erfahrungen aus den Vorjahren ziemlich gewiss. "All Heul, ich grüße euch mit dem Ruf der WCW. Ab heute ist das Leben wieder scheh", ließ sich Sitzungspräsident Michael Bannwarth vernehmen. Keinen Hehl machte er aus dem, was nun zu erfolgen habe. Er, der OB nämlich, "soll mir den Schlüssel endlich geben. Dann kann die Stadt im Glücke leben."

All die, die daraufsetzten, dass auch in Zukunft Ernsthaftigkeit und Seriosität in Wertheim Vorrang haben vor der Narretei, mochten noch ein wenig Hoffnung schöpfen, als von hoch oben, von den Zinnen des Rathauses, das Stadtoberhaupt sich zu Wort meldete und den versammelten Wölfen entgegenschmetterte: "Den Schlüssel in dies Haus, den rück' ich nicht so einfach raus". Doch erlahmte der Kampfesmut des gegenüber dem WCW-Sitzungspräsidenten ja immerhin nahezu doppelt so langen OBs schnell. "Doch will ich ja kein Unmensch sein und lass euch ausnahmsweise rein."

So hatten die zwischenzeitlich in die Machtzentrale eingedrungenen Gardisten wenig Mühe, den Oberbürgermeister hinaus an die frische Luft zu expedieren, wo dieser sich dann rasch mit den Eroberern verbrüderte. "Bis Aschermittwoch meinetwegen, werd' ich euch den Schlüssel geben. Nach diesen 99 Tagen will ich ihn aber wiederhaben."

Im Hochgefühl des (zu) leicht erstrittenen Sieges taten die Wölfe, was sie an dieser Stelle immer tun: Sie schickten ihre bisherigen Tollitäten in Rente. Zunächst verabschiedete der Oberwolf Heiko Krimmer mit wohlgesetzten Worten das Kinderprinzenpaar Cléo Krimmer und Marc Heimberger und inthronisierte mit Toni (Antonia) und Max Skywalker, beide aus der Dynastie der Brüstles, gleich deren Nachfolger.

Und auch Karin II. vom Kap der guten Hoffnung und Jens I. aus dem World Wide Wertheim mussten abdanken. Hatten sie sich vor einem Jahr noch geziert, bekannten sie nun, es habe beiden viel Spaß gemacht.

Und jetzt? Jetzt geht es zurück in die dunkle Vergangenheit, in die Zeit von Disco-Welle und Glam Rock, von Punk und Schlager, von Langhaarfrisuren bei Frauen und Männern, von Miniröcken (nur bei Frauen), Schlaghosen und Plateau-Schuhen (bei beiden). Es heißt: "Die WCW in den wilden 70ern".

Beide seien faschingstechnisch noch relativ unerfahren, kündigte der Oberwolf das neue Prinzenpaar an und legte damit - natürlich - eine falsche Fährte. Denn es sind ganz hartgesottene WCWler, die nun das Zepter schwingen. Sonja I vom Sonnenschein und Mario I von den Tannen-Göckern, alias Sonja und Mario Flicker, versprachen, immer für gute Laune zu sorgen. Ohne Scheu verriet die neue Prinzessin, dass für sie ein Kindheitstraum in Erfüllung gehe. Wer ihren Mädchennamen Schuon und die närrische Familiengeschichte kennt, glaubt das unbesehen. Für Wertheim bedenklich: Nicht nur aus Dertingen, auch aus Sonderriet bekommen die Wölfe Unterstützung. Der neue Prinz hat seine Wurzeln nämlich dort.

Wenn es denn nun mal so sein muss, sollte man sich in das Unabänderliche fügen und mit den Wölfen heulen: Die Große Kreisstadt wird wieder mal von Narren regiert. Wie die sich in ihrer Rolle machen, kann man vielleicht schon am Samstag sehen, beim großen Saisoneröffnungsball in der Main-Tauber-Halle. Na dann: All Heul! ek

© Fränkische Nachrichten, Donnerstag, 13.11.2014

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